Du kannst das Richtige tun - aus den falschen Gründen
- Simon Renz

- 7. Aug.
- 3 Min. Lesezeit
Blogserie "Was in uns entscheidet" - Teil 2 von 8
Es geht nicht darum, dass Leistung schlecht ist. Auch Erfolg, Geld, Disziplin und Sicherheit sind nicht grundsätzlich problematisch. Ebenso wenig geht es darum, nichts aufzubauen, keine Verantwortung zu übernehmen und nur noch spontan dem zu folgen, worauf wir gerade Lust haben.
Aber entscheidend ist nicht allein, was wir tun oder welche Ziele wir verfolgen. Genauso wichtig ist, was uns innerlich dabei antreibt.
Zwei Menschen können äußerlich nahezu dasselbe Leben führen und innerlich trotzdem in zwei vollkommen verschiedenen Welten leben. Beide können eine anspruchsvolle Karriere verfolgen. Der eine tut es, weil ihn seine Arbeit begeistert, weil er gestalten und seine Fähigkeiten einsetzen möchte. Der andere tut es, weil er beweisen muss, dass er etwas wert ist. Jede Beförderung beruhigt ihn für einen Moment, doch kurz darauf beginnt die Unsicherheit erneut: Reicht das wirklich? Was ist, wenn jemand an mir vorbeizieht? Was bin ich noch wert, wenn ich diese Position verliere?
Beide Menschen können viel leisten. Doch der eine wird von etwas angezogen, während der andere von etwas gejagt wird.
Dasselbe gilt für Beziehungen. Wir können in einer Beziehung bleiben, weil sie uns wichtig ist, weil wir lieben und gemeinsam durch eine schwierige Phase gehen möchten. Wir können aber auch bleiben, weil wir Angst vor dem Alleinsein haben, nicht als gescheitert gelten wollen oder glauben, dass niemand anderes uns lieben könnte. Vielleicht erscheint uns die Vorstellung, neu anzufangen, beängstigender als ein vertrautes Unglück.
Auch Verantwortungsbewusstsein kann aus unterschiedlichen Gründen entstehen. Wir können Verantwortung übernehmen, weil wir gestalten und für andere da sein möchten. Wir können es aber auch tun, weil wir glauben, niemanden enttäuschen zu dürfen. Wir können anderen helfen, weil es uns erfüllt, oder weil wir unseren eigenen Wert nur noch spüren, wenn wir gebraucht werden.
Von außen können diese Handlungen fast identisch aussehen. Innerlich sind sie es nicht. Das eine kann uns wachsen lassen, das andere macht uns immer enger.
Ein Leben aus positiven Motiven ist dabei nicht automatisch bequem. Begeisterung kann uns anstrengen, eine erfüllende Beziehung kann gleichzeitig Verzicht bedeuten und eine selbst gewählte Aufgabe kann uns an unsere Grenzen bringen. Der Unterschied liegt nicht darin, dass sich alles immer leicht und angenehm anfühlt. Entscheidend ist, ob wir uns auf etwas zubewegen, das uns wichtig ist, oder ob wir permanent vor etwas davonlaufen, vor dem wir Angst haben.
Handeln wir aus Neugier, Freude und dem Wunsch, etwas zu erschaffen? Oder handeln wir aus Angst vor Ablehnung, Scheitern, Bedeutungslosigkeit und Kontrollverlust?
Natürlich gibt es fast nie nur ein einziges Motiv. Menschen sind keine sauberen mathematischen Gleichungen. Wir können einen Beruf lieben und gleichzeitig Anerkennung suchen. Wir können Verantwortung aus Überzeugung übernehmen und trotzdem Angst haben, andere zu enttäuschen. Es geht nicht darum, sämtliche Angst aus unseren Entscheidungen zu entfernen. Es geht darum, zu erkennen, wer am Steuer sitzt.
Denn wir tun erstaunlich viel aus Angst heraus. Wir passen uns an, obwohl wir etwas anderes möchten. Wir schweigen, obwohl wir sprechen sollten. Wir halten an Rollen fest, die uns nicht mehr entsprechen. Wir arbeiten über unsere Grenzen, weil wir nicht schwach erscheinen wollen, und geben uns kleiner, weil unsere Größe andere irritieren könnte.
Dabei erzählen wir uns häufig, dass wir vernünftig handeln. Vielleicht tun wir das sogar. Aber Vernunft und Angst tragen manchmal dasselbe Outfit.
Die Forschung zu inneren und äußeren Lebenszielen deutet darauf hin, dass das Erreichen von Zielen, die Beziehungen, persönliche Entwicklung, Gesundheit und einen sinnvollen Beitrag betreffen, eher mit psychologischem Wohlbefinden zusammenhängt. Das Erreichen äußerer Ziele wie Geld, Image und Ruhm erzeugt dagegen nicht automatisch denselben Effekt – selbst dann nicht, wenn diese Ziele tatsächlich erreicht werden (Niemiec, Ryan & Deci, 2009).
Das ist ein bemerkenswerter Gedanke: Wir können sehr erfolgreich darin werden, ein Ziel zu erreichen, das uns innerlich überhaupt nicht nährt. Wir können das Spiel gewinnen und erst danach feststellen, dass wir nie selbst entschieden haben, welches Spiel wir spielen wollen.
Das Problem entsteht vor allem dann, wenn wir unsere Vorstellung von Erfolg ausschließlich an äußeren Kriterien festmachen und gleichzeitig hoffen, dass uns ihr Erreichen endlich das Gefühl gibt, angekommen zu sein. Die Beförderung, das höhere Gehalt, der nächste Titel – vielleicht fühlt es sich für einen Moment tatsächlich gut an. Doch wenn das eigentliche Bedürfnis dahinter dadurch nicht erfüllt wird, hält dieses Gefühl oft nicht lange an. Dann verschiebt sich die Ziellinie einfach ein Stück weiter: noch eine Stufe, noch etwas mehr Geld, noch eine höhere Position. Nicht unbedingt, weil wir all das wirklich wollen, sondern weil wir weiterhin hoffen, dass das nächste Ziel endlich das einlöst, was das vorherige nicht leisten konnte.
Deshalb sollten wir Erfolg nicht nur am Ergebnis messen, sondern auch an seinem Ursprung. Macht uns das, was wir tun, lebendiger? Gibt es uns das Gefühl, in unserem eigenen Leben vorzukommen? Entsteht es aus Interesse, Verbundenheit und Gestaltungskraft? Oder ist es nur ein weiteres, immer aufwendigeres System, mit dem wir versuchen, unsere Angst in Schach zu halten?




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