top of page

Nach welchen Regeln lebst du eigentlich?

29. Juli
3 Min. Lesezeit

Aktualisiert: 7. Aug.

Blogserie "Was in uns entscheidet" - Teil 1 von 8

Es ist schon interessant, wie selbstverständlich wir Menschen Vorstellungen darüber übernehmen, wie ein gutes Leben auszusehen hat. Wir lernen, was man erreichen sollte, wie ein vernünftiger Lebensweg verläuft und woran Erfolg gemessen wird. Eine bestimmte berufliche Position, ein gutes Einkommen, ein Haus, eine Familie und gesellschaftliche Anerkennung – all das kann Teil eines gelungenen Lebens sein.


Aber was ist Erfolg überhaupt?


Ist ein Mensch erfolgreich, wenn er viel verdient, aber kaum Zeit für sich und die Menschen hat, die ihm wichtig sind? Ist er erfolgreich, wenn andere ihn bewundern, er selbst aber jeden Morgen mit einem schlechten Gefühl aufsteht? Ist Erfolg ein Titel, ein Status und ein voller Terminkalender? Oder bedeutet Erfolg vielleicht, ein Leben zu führen, das tatsächlich zu einem passt?


Vielleicht heißt Erfolg, gesund zu bleiben, etwas Sinnvolles zu tun und frei über die eigene Zeit entscheiden zu können. Vielleicht bedeutet er, tragfähige Beziehungen zu führen, neugierig zu bleiben und sich nicht selbst auf dem Weg zu irgendeinem gesellschaftlich anerkannten Ziel zu verlieren.


Die meisten von uns übernehmen eine Definition von Erfolg, lange bevor sie sich bewusst fragen, ob es wirklich ihre eigene ist. Wir lernen, was Sicherheit bedeutet, welche Entscheidungen als vernünftig gelten, wie viel Risiko ein verantwortungsvoller Mensch eingehen darf und was man in einem bestimmten Alter erreicht haben sollte. Gleichzeitig entwickeln wir ein Gespür dafür, was andere von uns erwarten und was sie möglicherweise über uns denken könnten.


Daran ist zunächst nichts falsch. Gesellschaftliche Vorstellungen und Regeln können Orientierung geben. Sie erleichtern das Zusammenleben, vermitteln Erfahrungen und bewahren uns davor, jeden Schritt vollständig neu erfinden zu müssen. Es wäre ziemlich anstrengend, wenn jeder Mensch morgens erst einmal grundsätzlich klären müsste, ob Verkehrsregeln heute noch zur eigenen Persönlichkeit passen.


Problematisch wird es dort, wo aus Orientierung ein unsichtbares Gesetz wird. Dann befolgen wir Regeln, die wir nie bewusst gewählt haben. Vielleicht haben wir früh gelernt, dass wir leisten müssen, um Anerkennung zu erhalten, stark sein müssen, um niemandem zur Last zu fallen, und dass Fehler gefährlich sind. Vielleicht wurde uns vermittelt, dass ein vernünftiger Mensch auf Nummer sicher geht, sich nicht überschätzen darf und dankbar sein sollte, anstatt zu viel zu verlangen.


Diese Überzeugungen verschwinden nicht automatisch, nur weil wir erwachsen werden. Sie wirken weiter und erscheinen uns irgendwann nicht mehr wie erlernte Vorstellungen, sondern wie objektive Wahrheiten über die Welt: „Das macht man eben so“, „So funktioniert das Leben“, „Man kann nicht immer nur tun, was man möchte“ oder „Irgendwann muss man vernünftig werden.“


Vielleicht stimmt etwas davon. Vielleicht aber auch nicht. Genau darin liegt das Problem: Wir überprüfen es kaum noch.


Stattdessen vergleichen wir uns mit anderen und orientieren uns daran, ob wir vermeintlich weiter oder weniger weit gekommen sind. Wir fühlen uns klein, wenn jemand erfolgreicher, attraktiver oder freier erscheint. Manchmal fühlen wir uns für einen kurzen Moment besser, wenn wir jemanden sehen, der scheinbar weniger erreicht hat. Doch ein Leben, dessen Wert sich ständig aus dem Vergleich mit anderen ergibt, findet kaum noch einen eigenen Maßstab.


Die psychologische Forschung unterscheidet zwischen stärker innerlich ausgerichteten Zielen – etwa persönlicher Entwicklung, Beziehungen, Gesundheit und einem sinnvollen Beitrag – und stärker äußerlich ausgerichteten Zielen wie Status, Ruhm oder finanzieller Anerkennung. Eine starke Ausrichtung auf innere Ziele steht im Durchschnitt eher mit Wohlbefinden in Verbindung als eine ausgeprägte Fixierung auf äußere Bestätigung (Kasser & Ryan, 1996; Niemiec, Ryan & Deci, 2009).


Das bedeutet nicht, dass Karriere, Geld oder Anerkennung schlecht sind. Es bedeutet nur, dass sie uns nicht sagen können, ob wir das richtige Leben führen.


Ein äußerlich beeindruckendes Leben kann vollkommen stimmig sein. Es kann aus Begeisterung, Neugier und echtem Gestaltungswillen entstanden sein. Es kann aber genauso gut das Ergebnis jahrelanger Anpassung an Erwartungen sein, die nie wirklich die eigenen waren. Von außen sieht man diesen Unterschied häufig nicht.


Gesellschaftliche Erwartungen zu hinterfragen heißt nicht, grundsätzlich gegen Regeln oder bewährte Lebenswege zu sein. Es bedeutet, bewusst zu prüfen, welche davon tatsächlich zum eigenen Leben passen.


Deshalb lohnt sich eine ehrliche Frage:

Wie viele der Regeln, nach denen du lebst, hast du tatsächlich selbst gewählt?

Und wie viele befolgst du nur deshalb, weil du schon lange vergessen hast, dass man sie auch infrage stellen könnte?



 
 
 

Kommentare


bottom of page