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Wir überschätzen das Risiko – und unterschätzen uns selbst

Blogserie "Was in uns entscheidet" - Teil 3 von 8

Sicherheit hat ihren Sinn. Wir brauchen ein gewisses Maß an Stabilität, Verlässlichkeit und Schutz. Wer nicht weiß, wo er morgen schlafen wird, ob er seine Familie ernähren kann oder ob er körperlich unversehrt bleibt, braucht keine romantische Rede über Mut zur Unsicherheit.


Doch irgendwann kann aus dem verständlichen Wunsch nach Sicherheit etwas anderes werden. Dann möchten wir nicht mehr nur reale Gefahren begrenzen, sondern jede Unsicherheit aus unserem Leben entfernen.


Und das funktioniert nicht.


Das Leben ist nicht vollständig kontrollierbar. Beziehungen können scheitern, Menschen können uns ablehnen und berufliche Entscheidungen können sich als falsch herausstellen. Gesundheit, Märkte, Unternehmen und Lebenspläne halten sich nur begrenzt an unsere Vorstellungen.


Wenn wir absolute Sicherheit anstreben, bleibt uns deshalb nur eine Möglichkeit: Wir müssen unser Leben immer kleiner machen. Wir vermeiden Gespräche, deren Ausgang wir nicht kontrollieren können. Wir bewerben uns nicht auf eine Stelle, die wir möglicherweise nicht bekommen. Wir setzen keine Grenze, weil jemand negativ reagieren könnte, und verlassen keinen vertrauten Weg, solange der neue nicht bereits bis zum letzten Meter ausgeleuchtet ist.


Das nennen wir dann Vorsicht. Manchmal ist es tatsächlich Vorsicht. Manchmal ist es aber auch Angst mit einem ziemlich guten Sprecher.


Die Angst zeigt uns nicht einfach, dass etwas schiefgehen könnte. Sie nimmt ein mögliches Problem und denkt es bis zur Katastrophe weiter. Aus „Vielleicht funktioniert es nicht“ wird „Ich werde alles verlieren“. Aus „Jemand könnte meine Entscheidung kritisieren“ wird „Alle werden mich ablehnen“. Und aus „Die erste Zeit könnte schwierig werden“ wird „Ich werde mit der Situation niemals klarkommen“.


Wir stellen uns den schlimmstmöglichen Ausgang so lebendig vor, dass er sich nicht mehr wie eine Möglichkeit anfühlt. Er fühlt sich wie eine Vorhersage an. Dann treffen wir unsere Entscheidung nicht anhand dessen, was wahrscheinlich ist, sondern anhand dessen, was wir am eindringlichsten gefühlt haben.


Psychologische Modelle der Angst beschreiben genau solche Verzerrungen der Bedrohungsverarbeitung: Mögliche Gefahren erhalten übermäßig viel Aufmerksamkeit und werden in ihrer Wahrscheinlichkeit oder Schwere überschätzt. Katastrophisieren bedeutet, einen schweren negativen Ausgang für wahrscheinlicher zu halten, als es die tatsächliche Lage rechtfertigt (Beck & Clark, 1997).


Das bedeutet nicht, dass unsere Befürchtungen immer Unsinn sind. Vielleicht scheitert ein Vorhaben tatsächlich, vielleicht lehnt uns jemand ab oder wir verlieren etwas. Ein souveräner Blick auf das Leben besteht nicht darin, Risiken zu leugnen, sondern sie angemessen zu betrachten.


Wie wahrscheinlich ist das befürchtete Ereignis wirklich? Nicht: Wie real fühlt es sich an? Sondern: Wie verhält sich die Situation bei nüchterner Betrachtung?


Häufig ist die Katastrophe deutlich unwahrscheinlicher, als unsere Angst behauptet. Manchmal ist ihre Wahrscheinlichkeit verschwindend gering. Doch selbst das ist nur die Hälfte des Denkfehlers, denn wir überschätzen nicht nur die Gefahr, sondern unterschätzen gleichzeitig unsere Fähigkeit, mit ihr umzugehen.


Wir sehen uns in unseren Befürchtungen oft als wären wir hilflose Menschen. Als könnten wir auf eine Enttäuschung nicht reagieren, nach einem Fehler nichts lernen, keine Hilfe annehmen und keine neue Entscheidung treffen. Dabei sind wir in den meisten Fällen durchaus in der Lage, mit Problemen umzugehen.


Vielleicht wäre eine Ablehnung schmerzhaft. Vielleicht würde eine falsche Entscheidung Geld und Zeit kosten und wir müssten neu planen. Doch unangenehm bedeutet nicht unüberwindbar.


Menschen mit Angst neigen in bestimmten Situationen dazu, ihre spätere Angstbelastung stärker vorherzusagen, als sie sie bei der tatsächlichen Konfrontation erleben (Arntz et al., 1994).


Wir überschätzen also häufig, wie schlimm es wird, und unterschätzen, wie gut wir damit umgehen können. Das ist eine ziemlich ungünstige Kombination.


Hinzu kommt, dass wir meistens nur das Risiko der Veränderung betrachten. Was ist, wenn der neue Weg scheitert? Was ist, wenn die Beziehung endet? Was ist, wenn ich meinen Status verliere?


Kaum jemand fragt mit derselben Ernsthaftigkeit: Was geschieht, wenn ich weitere zehn Jahre in einer Situation bleibe, wo ich jeden Tag ein wenig mehr Lebensqualität liegen lasse?


Stillstand fühlt sich sicher an, weil seine Kosten selten auf einmal auftreten. Sie kommen leise. Ein Jahr vergeht, dann noch eines. Die Neugier wird schwächer, die Erschöpfung normaler und das eigene Leben immer weiter auf später verschoben.


Sicherheit ist wichtig. Aber Sicherheit ist kein sinnvolles Ziel, wenn wir dafür alles aufgeben müssen, was das Leben überhaupt lebenswert macht.



 
 
 

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