Die Geschichten, mit denen wir uns selbst festhalten
Blogserie "Was in uns entscheidet" - Teil 5 von 8
Wir Menschen müssen uns unsere eigene Welt erklären. Wir brauchen das Gefühl, dass unser Verhalten, unsere Werte und unser Selbstbild irgendwie zusammenpassen.
Wenn wir sagen, unsere Familie sei das Wichtigste, aber kaum Zeit mit ihr verbringen, entsteht ein Widerspruch. Wenn wir behaupten, Freiheit sei unser höchster Wert, uns aber aus Angst vollständig an einen Lebensstil binden, der uns einengt, entsteht ebenfalls ein Widerspruch. Dasselbe gilt, wenn wir längst spüren, dass uns unser Leben nicht mehr guttut, aber trotzdem jeden Tag genauso weitermachen.
Solche Widersprüche sind unangenehm. Doch statt unser Verhalten zu ändern, ändern wir manchmal einfach die Geschichte, die wir uns darüber erzählen.
Wir sagen uns, dass es im Moment eben nicht anders geht, wir nur noch ein paar Jahre durchhalten müssen und der nächste Karriereschritt alles verändern wird. Wir erklären uns, dass wir jetzt Opfer bringen müssen, damit wir später wirklich leben können, oder dass wir unserer Familie zwar kaum Zeit geben, ihr dafür aber alles bieten.
Vielleicht erzählen wir uns auch, eine Trennung wäre unverantwortlich, ein neuer beruflicher Weg unrealistisch oder es sei für Veränderungen ohnehin zu spät. Auf diese Weise bauen wir uns eine Erklärung, die es uns ermöglicht, weiterzumachen.
Diese Erklärungen müssen nicht falsch sein. Es gibt reale Verpflichtungen, Phasen, in denen wir durchhalten müssen, und Entscheidungen, deren Folgen nicht einfach rückgängig gemacht werden können. Aber wir sollten unsere eigenen Begründungen nicht automatisch mit der Wahrheit verwechseln.
Denn Menschen sind erstaunlich gut darin, sich selbst zu erklären, warum das, was sie ohnehin tun, genau das Richtige ist.
Die Psychologie beschreibt einen Teil dieses Mechanismus unter dem Begriff der kognitiven Dissonanz. Wenn Verhalten, Überzeugungen und Selbstbild miteinander in Konflikt geraten, kann eine unangenehme innere Spannung entstehen. Diese kann unter anderem dadurch reduziert werden, dass wir unser Verhalten ändern – oder indem wir es nachträglich rechtfertigen, umdeuten oder widersprechende Informationen abwehren (Festinger, 1957; McGrath, 2017).
Das ist keine kleine Schwäche einiger besonders uneinsichtiger Menschen, sondern eine menschliche Tendenz. Wir möchten gute Eltern, verantwortungsvolle Partner, loyale Freunde, kompetente Mitarbeiter und vernünftige Erwachsene sein. Wenn unser Verhalten diesem Bild widerspricht, können wir uns verändern oder die Erklärung verändern. Die zweite Möglichkeit ist häufig bequemer.
Wenn ein Vater kaum Zeit für seine Kinder hat, könnte er prüfen, ob sein Leben wirklich zu seinen Prioritäten passt. Er könnte aber auch sagen: „Ich tue das alles nur für sie.“ Vielleicht stimmt das sogar teilweise. Doch passt die Zeit, die er tatsächlich mit ihnen verbringt, zu dem Vater, der er sein möchte?
Trotzdem kann die Geschichte stark genug sein, um den Widerspruch nicht weiter betrachten zu müssen.
Nicht jede Rechtfertigung ist eine Lüge. Oft glauben wir aufrichtig, was wir uns erzählen. Wir manipulieren uns nicht unbedingt bewusst. Die Geschichte hilft uns, einen inneren Widerspruch aufzulösen.
Irgendwann verteidigen wir nicht mehr nur unsere Entscheidung, sondern unser gesamtes Selbstbild. Dann wird eine neue Perspektive nicht wie ein hilfreicher Gedanke erlebt, sondern wie ein Angriff. Denn wenn die andere Person recht hätte, müssten wir möglicherweise zugeben, dass wir über Jahre etwas verteidigt haben, das uns gar nicht guttut.
Das kann schmerzhaft sein. Ehrlichkeit gegenüber sich selbst ist deshalb keine gemütliche Wellnessübung. Sie kann uns zwingen, Geschichten anzusehen, die uns lange Halt gegeben haben.
Aber eine Geschichte wird nicht dadurch wahr, dass wir sie oft genug wiederholen. Manchmal erklärt sie unser Leben und manchmal hält sie uns darin fest.






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