Geld ist nicht das Problem
Blogserie "Was in uns entscheidet" - Teil 4 von 8
Geld ist emotional aufgeladen. Die einen behandeln es, als wäre es die Antwort auf fast alle Fragen des Lebens. Die anderen sprechen darüber, als sei Wohlstand bereits moralisch verdächtig. Beides greift zu kurz.
Geld kann enorm viel bewirken. Es kann existenzielle Sorgen reduzieren, Möglichkeiten eröffnen und Unabhängigkeit schaffen. Es kann Bildung, Gesundheit, Mobilität und freie Zeit ermöglichen. Wer nicht weiß, wie er die nächste Miete bezahlt, braucht keine philosophische Erklärung darüber, dass Geld nicht alles ist.
Mit steigendem Einkommen wird der zusätzliche Nutzen jedoch tendenziell kleiner. Der Schritt aus finanzieller Unsicherheit verändert ein Leben stärker als der Schritt vom bereits hohen zum noch höheren Wohlstand.
Einen allgemeingültigen Betrag, ab dem Geld überhaupt keinen zusätzlichen Unterschied mehr macht, gibt es nach dem derzeitigen Forschungsstand allerdings nicht (Kahneman & Deaton, 2010; Killingsworth, Kahneman & Mellers, 2023).
Doch der eigentliche Punkt beginnt ohnehin nicht bei einer bestimmten Summe auf dem Konto. Er beginnt dort, wo Geld seine Funktion verändert und nicht mehr nur Mittel, sondern Beweis sein soll: Beweis dafür, dass wir erfolgreich und wichtig sind, nicht zu den Verlierern gehören und andere nicht auf uns herabblicken können.
Dann soll Besitz etwas anderes leisten: Er soll uns Selbstwert geben, Zugehörigkeit garantieren und die Angst vor Ablehnung beruhigen.
Wohlstand ist dabei überhaupt nicht das Problem. Es ist etwas Schönes, etwas aufzubauen, ein Unternehmen zu gründen, eine Idee erfolgreich zu machen, finanziell frei zu werden oder den Menschen, die einem wichtig sind, etwas ermöglichen zu können. Auch ein schönes Haus, ein schnelles Auto, ein teurer Wein oder ein exklusiver Urlaub sind nicht das Problem.
Die Frage ist, welche Bedeutung wir ihnen geben. Bereichern diese Dinge unser Leben? Oder müssen sie beweisen, dass unser Leben gelungen ist?
Ein Mensch kann sehr wohlhabend und gleichzeitig großzügig, frei und innerlich unabhängig sein. Ein anderer kann wenig besitzen und trotzdem sein gesamtes Selbstbild an Geld, Marken und gesellschaftliche Anerkennung hängen. Wohlstand und Materialismus sind nicht dasselbe.
Eine umfassende Metaanalyse über 259 unabhängige Stichproben fand im Durchschnitt einen negativen Zusammenhang zwischen materialistischer Wertorientierung und persönlichem Wohlbefinden. Das bedeutet nicht, dass Wohlstand unglücklich macht. Es bedeutet, dass eine starke Fixierung auf Besitz, Geld und Status häufig mit einem schlechteren Wohlbefinden verbunden ist (Dittmar et al., 2014).
Geld kann Komfort schaffen, aber keine Nähe. Es kann Aufmerksamkeit erzeugen, aber keine echte Zugehörigkeit garantieren. Es kann Möglichkeiten eröffnen, aber nicht beantworten, wofür wir diese Möglichkeiten eigentlich nutzen wollen.
Irgendwann kann aus dem, was uns eigentlich freier machen sollte, eine neue Form von Enge entstehen. Das größere Haus muss bezahlt werden, der Lebensstandard soll erhalten bleiben, die berufliche Position darf nicht verloren gehen und das Bild, das andere von uns haben, muss weiterhin bestätigt werden.
Wir müssen das nicht aufgrund eines Naturgesetzes. Aber wir können uns ein Leben aufbauen, in dem es sich genau so anfühlt. Dann wird aus Komfort eine Verpflichtung, aus Status die Angst vor dem Absturz und aus Sicherheit die permanente Sorge, sie wieder verlieren zu können.
Geld kann uns allerdings auch Zeit verschaffen. Es kann Aufgaben abnehmen, Möglichkeiten eröffnen und Freiräume schaffen.
Studien zeigen, dass Ausgaben, die Menschen Zeit verschaffen, mit höherer Lebenszufriedenheit verbunden sein können und in Experimenten teilweise glücklicher machten als vergleichbare materielle Käufe (Whillans et al., 2017).
Vielleicht ist deshalb nicht vorrangig entscheidend, wie viel Geld wir haben. Ausschlaggebend ist insbesondere, was wir daraus machen. Bauen wir damit ein immer aufwendigeres Leben, das permanent erhalten werden muss? Oder schaffen wir uns damit den Raum, in dem wir dieses Leben tatsächlich erleben können?






Kommentare